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Stützradkrimi – Der beste Fan oder noch mehr?

Es ging wieder auf eine Unihockey Saison zu, und ich war wieder an vorderster Front mit dabei, wenn es hiess, mein Team anzufeuern. Ich war definitiv der Fan, der dem Team am nächsten war. Die Spiele verbrachte ich nicht mehr auf der Zuschauerbank sondern unten an der Bande. Nicht dort wo die Spieler waren, denn das wäre ein Reglementverstoss gewesen, dort dürfen nämlich nur die offiziellen Betreuer hin. Meistens Stand ich hinter der Ecke hinter dem Tor. Neben dem dass ich immer wieder kräftig anfeuerte, war ich aber meist auch am Banden richten. Im Unihockey verschieben sich Banden in harten Zweikämpfen oder sie fallen gar auseinander. Jemand muss dann ganz schnell das Problem wieder beheben, damit das Spiel nicht unterbrochen werden muss. Manchmal half ich auch bei den Strafen aus, da musste man die Spieler nach abgelaufener Straffe wieder aufs Feld schicken. Ich machte mich halt nützlich wo ich konnte.

Immer öfter tauchte ich auch in den Trainings der ersten Mannschaft auf. Auch da half ich immer wieder. Sei es verschossene Bälle zurück ins Feld zu spielen oder die Bälle einsammeln. Ich war also ein bisschen Balljunge. Im Gegenzug konnte ich den etwa 5 m Breite Streifen neben dem Feld nutzen um Wand ab zu spielen, und so meine Schussfähigkeit zu verbessern. Wenn die Mannschaft mal nur das halbe Spielfeld brauchte (z.B. bei einer Übung), konnte ich sogar auf der anderen Hälfte aufs leere Tor ballern. So lange ich das Training nicht störte war das ok. Und darauf habe ich immer geachtet. Denn ich wollte ja, dass „meine“ Mannschaft gut trainieren konnte. Das schönste war aber sicher, wenn sich mal einer der Spieler Zeit nahm um mit mir ein bisschen zu spielen. Vor allem der eine Schwede forderte mich immer wieder heraus. Da sagte ich natürlich nicht nein, auch wenn der mich meist schwindelig spielte.

Ja, ich war schon ein richtiger Fanboy. Allerdings war es halt nicht die typische Fan Beziehung in der der Spieler den Fan überhaupt nicht kennt. Die Spieler waren sowas wie Freunde für mich aber ich bewunderte sie eben auch. Mir hätte man viel nehmen dürfen, aber nicht mein Einhorn. Für mich war das ein Platz wo ich all meine Probleme draussen lassen konnte. Vor allem war es aber ein Platz wo ich nicht auf meine Behinderung reduziert wurde, und das ist vermutlich das beste was man für einen Behinderten tun kann. Erfordert aber auch von dem Behinderten selbst, dass er sich nicht ständig auf die Behinderung bezieht. Aus der Sicht von damals war ich immer etwas unglücklich, dass ich Einhorn Hünenberg nicht mehr zurückgeben konnte. Doch ich glaube, ich bedeutete den Spieler wesentlich mehr, als mir je bewusst war.

Ich dachte halt, nur weil ich da etwas „Hopp Einhorn“ schreie, bin ich noch lange keine wichtige Person. Natürlich weiss ich bis heute nicht vollends, was ich einzelnen Spielern bedeutet habe, doch spätestens als ich selbst Fans hatte, wusste ich wie krass ich die Wirkung meines Anfeuerns unterschätzte. Auf jeden Fall so viel, dass das Team mal etwas für mich tun wollte (obschon sie das schon dauernd taten, ohne es vielleicht zu merken). Ich hatte unlängst Geburtstag, und es war ein Heimspiel angesagt. Ich war etwas spät dran, das Spiel lief schon fünf Minuten. Ich ging meinen gewohnten Weg, und wurde aber gleich vom Schweden (Er kein Deutsch und ich kein Englisch) abgefangen. Mit Händen und Füssen lotste er mich in die Spieler Garderobe und gab mir ein Original Spielertrikot. Darauf haben alle Spieler unterschrieben. Zurück in der Halle meinte ein Spieler: „Das musst du jetzt aber anziehen. Wir wollten dich eigentlich vor dem Spiel zum besten Fan von Einhorn ehren, aber du warst ja nicht da.“

Ab jetzt hab ich wohl keine Ausreden mehr, ich gehöre zum Team. Denn ausser mir und den Spielern hatte niemand dieses Trikot. Viele Fans würden sich über ein signiertes Trikot freuen, doch für mich hatte das noch eine ganz andere Bedeutung. Mit dem Shirt setzte das Team ein klares Zeichen und sagte: „Du bist einer von uns, und egal was da kommt, wir stehen hinter dir!“ Und wie ernst sie das meinen, erfahrt ihr in der kommenden Folge.

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Stützradkrimi – Eine Lektion fürs Leben

Wir schreiben das Jahr 1994. In Hünenberg steht eine grossen Gemeindefeier an. Denn die neue Dreifachturnhalle ist fertig. Bei der Eröffnung gab es auch ein Rollstuhlbasketball Spiel dass ich unbedingt sehen wollte. Nach dem Rollstuhlbasketball war dann auch noch ein Spiel des UHC Einhorn Hünenberg. Es war glaub ich ein Schweizer Cup Spiel. Eigentlich wollte ich nur das Rollstuhlbasketball Spiel ansehen. Ich hatte Angst von den Einhörner nicht aufgenommen zu werden.

Ich sprach nach dem Basketball Spiel noch mit ein paar Spielern und dann sah ich plötzlich, dass in der Turnhalle Banden aufgestellt wurden. „Moment, das ist Unihockey!?!“ Ich kannte die Sportart nur als Pausenplatzspiel und war komplett begeistert von der professionellen Ausrüstung die da aufgefahren wurde. Total fasziniert blieb ich in der Halle kleben. Das Umfeld rund um mich herum wechselte, und ich merkte es nicht mal. An diesem Tag merkte ich, hier gehöre ich hin. Ich bin ein Einhorn.

Zwei Wochen später machte mich mein Vater drauf aufmerksam dass er im Veranstaltungskalender der Gemeinde ein weiteres Spiel der Einhörner gesehen habe. „Oh ja, da muss ich hin.“ Nun war alle Angst vom abgestossen werden verschwunden. Schliesslich hat mich das letzte mal auch niemand ausgelacht. Doch es soll noch extremer kommen.

Ich feuerte „meine“ Mannschaft lautstark an. Vermutlich war ich der lauteste in der Halle. Ich war wohl so laut, dass sogar die Spieler auf mich aufmerksam wurden. So viele Zuschauer gab es da auch nicht. Jedenfalls, das Spiel war fertig und ich wollte eigentlich gehen, als plötzlich zwei Spieler vor mir standen. „Danke fürs Anfeuern“, meinte der eine und der andere: „Wie heisst du?“ Schon rein die Frage verwirrte mich, denn normalerweise wollten die Leute immer erst wissen, was ich hatte.
„Ich heisse Raphael, kannst mir auch Raphi sagen.“
„Sehr schön, ich bin Fabian“, meinte der Spieler.
„Ich bin halt ein bisschen Behindert“, sagte ich. Darauf wurde das Gesicht des Spielers ernst und dann sagte er recht energisch: „Hör mir jetzt gut zu, hier in dieser Halle, in diesem Club bist du einfach nur Raphi. Deine Behinderung ist hier scheiss egal und interessiert hier niemanden! Wichtig ist nur, das du zu uns gefunden hast. Herzlich willkommen in der Einhorn Familie.“ Das krasse war, dass das nicht nur blosse Worte waren. Es war wirklich so. Es war das allererste mal, wo meine Behinderung von Menschen einfach ignoriert wurde. Wo sie einfach keine Rolle spielte. Einhorn Hünenberg und ich schmolzen extrem schnell zusammen. Es war genau das was ich brauchte. Ein Ort wo die Behinderung eben nicht zählte.