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Stützradkrimi – Unihockey holt mich auch Trotz Stützradfahrrad wieder ein

Unbenannt

Dieses Bild zeigt mich mit meinem ersten Stützradvelo. Ein Therapierad von Haverich. Es ist ein frühes Foto, da hatte ich noch kein Tachometer am Fahrrad. Das Foto ist nicht umsonst verschwommen, ich war zügig unterwegs. Dieses blaue Gefährt war für mich ein Heiligtum, dass man mir nicht nehmen durfte. Immer wenn es das Wetter irgendwie zuliess, war ich am Fahrradfahren. Wobei… der limitierende Faktor war da nicht selten meine Mutter. „Heute ist zu schlechtes Wetter, mach was drinen“, hiess es dann oft.

Doch manchmal konnte ich mich auch durchsetzen, und durfte im Regen rumkurven. So blöd das tönt, das war für mich immer ein spezieller Moment. Nichts von rumjammern wegen schlechtem Wetter. Nein, ich kämpfte sogar dafür, dass ich im schlechten Wetter trainieren durfte.

Doch es gab da ein ernstzunehmenden Konkurrenten zum Fahrrad. Es ist die „Krankheit“ Unihockey, die damals gerade in der Schweiz grassierte. Die Sportart legte in der Schweiz einen unvergleichlichen Boom hin und genau in diesem Boom durfte ich gross werden. Ich habe zwar das Unihockey seit des Schulwechsels etwas verloren, aber ganz los gelassen hat es mich nicht.

In der 5. Klasse hatten wir einen neuen Turnlehrer. Der stand neuen Sportarten aufgeschlossener gegenüber. Da spielten wir auch ab und zu Unihockey. Es gab nur ein Problem… die Schläger die wir hatten, waren sowas von nicht zu gebrauchen. Also wünschte ich mir auf meinen Geburtstag einen Unihockeystock. Das war ein ganz einfaches Teil. Eigentlich einfach ein Kunststoffrohr mit einer Plastikkelle dran, das wars. Besser als die Stöcke der Schule war er auf jeden Fall.

Die Unihockeystunden im Turnen wurden jeweils vorher angekündigt. Voller Stolz marschierte ich dann mit dem Stock Richtung Turnhalle. Das waren für mich immer ganz spezielle Momente. Die Vorbilder von uns waren damals übrigens noch die Eishockey Spieler des EV Zug’s. Legenden dieser Zeit: Ken Yaremchuk, Misko Antisin und Dino Kessler.

Unweigerlich nahm mich der Sport immer mehr in den Beschlag. Ich liebte es einfach, die Action, das sehen wie man sich verbessert, die Leistung. Ich war stolz auf meine kräftigen Oberschenkel und stolz über jeden coolen Spielzug den ich auf dem Feld machte. Ich war halt ein Sportler.

In den Augen meinen Eltern sah es wohl etwas anders aus. Sie haben zu diesem Zeitpunkt den Sport gar nicht als Sport gesehen, sondern einfach nur als ein Hobby, dass mir Freude bereitete. Die Verbissenheit konnten meine Eltern nie so recht verstehen.

Natürlich hatte ich als Kind nicht nur Sport gemacht. Musik war ein wichtiger Bestandteil. Ich sang regelmässig Solos in unserem Schulchor und in unserem alljährlichen Theater hatte ich gar einmal die Hauptrolle. Darüber waren meine Eltern vermutlich stolzer als über mein rumgehopse auf dem Sportfeld. Musik war für mich damals auch wichtig. Nur es gibt Gründe, weshalb ich später den Sport bevorzugen sollte.

Da ich den Heimweg aus der Schule nicht alleine Bewältigen konnte, wurde ich eine Weile von Leuten aus meinem Dorf abgeholt. Eines Abends sah mich eine Frau mit dem Unihockeystock. Auf der Rückfahrt fragte sie mich erstaunt: „Spielst du Unihockey?“ Ich geriet sofort ins Schwärmen. Sie sagte mir dass ihr Sohn bei UHC Einhorn Hünenberg spielt. „Was Hünenberg hat ein Unihockey Club? Wie cool ist das denn. Seit jenem Abend wusste ich, zu diesem Club gehöre ich. Doch wie soll ich da hin kommen? Jedes andere Kind hätte seine Mutter bekniet, es doch dort anzumelden. Aber ich war behindert… was will ich mich da anmelden, das gibt bestimmt gleich eine Ablehnung. Das mit dem nicht reinpassen in die Welt der Nichtbehinderten kennen wir ja schon von der Schule. Die kommende Zeit wird nicht so einfach für mich. Weil mir die Behinderung immer wieder im Wege stand. Doch das konnte ich nicht ändern. Ich musste da durch.

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Fanerlebnisse

Wenn man auf dem Sportplatz stehts alles gibt, bekommt man irgendwann auch Fans. Bewundert zu werden ist was schönes, und gibt Antrieb für die weiteren Trainings. Manchmal wird es allerdings auch skurril. Hier ein paar Erlebnisse von mir.

Ich war mit meiner Leichtathletik Trainingsgruppe im Trainingslager in Bad Dürrheim (D). Wir hatten gerade unsere Trainings Session fertig und machten uns auf den Weg zurück in die Herberge. Leichtathletik Trainingsplätze sind ja meist auch öffentlich zugänglich und so schauen da schon manchmal ein paar Leute beim Training zu. Als ich dann die Anlage verlassen wollte, wurde ich von einem älteren Herrn angesprochen: „Was dies für eine riesen Leistung sei, usw.“ Der Herr hat mich offenbar schon länger beobachtet und mir nach dem Training abgepasst.

Als ich noch Unihockey spielte, war ich für kurze Zeit in einer Trainingsgruppe in Chur. Wir hatten nach einem Junioren Team von Chur Unihockey training. Als wir in die Halle gingen kreuzten wir uns. Da hörte ich hinter mir jemand sagen: „Was will denn der hier.“ Vermutlich konnte sich der Junior nicht ganz vorstellen, dass jemand mit so einer Behinderung Unihockey spielen kann. Wir begannen mit dem Einspielen und plötzlich höre ich von der kleinen Zuschauertribüne: „Bua, krass seht euch das an.“ Die Junioren waren offenbar total begeistert, von dem was ich da auf das Feld zauberte. Da man in Mannschaftssportarten auf dem Feld Kommuniziert und öfter mal den Namen eines Mitspielers ruft, fanden die Kids meinen Namen heraus. Da fielen sie komplett in den Fan Modus, und riefen in Sprechchören mein Namen.

Doch es geht noch extremer. An einem Leichtathletik Meeting vor ein paar Jahren wollte ich einen Clubkollegen begrüssen, der gerade gekommen war. Dabei ging ich an der Zuschauertribüne vorbei. Ein Herr und ein Junge grüssten mich aussergewöhnlich freundlich. Ich grösste zurück ging aber weiter. Nachdem ich mit meinem Kollegen ein paar Worte getauscht hatte. Schaute ich ein bisschen den Wettkämpfen zu. Plötzlich sah ich den Jungen und der Herr die miteinander diskutierten: „Schon eine riesen Leistung“, „Und so wie der geht… unglaublich.“ Sie sprachen offensichtlich über mich! Das Ding war, ich stand nur drei Meter entfernt und konnte alles mithören, aber sie hätten nicht den Mut gehabt mich direkt anzusprechen. Irgendwann wurde mir das Spiel dann zu blöd, und ich hab die beiden Angesprochen. Nachdem das Eis gebrochen war, hatten wir eine gute Diskussion. Der Vater und Sohn hatten viele Fragen an mich.

Dass ich auf dem Sportplatz angesprochen werde, ist für mich längst normal. Ich meine, da falle ich einfach so auf, da gehört das dazu. Doch letzten Winter hatte ich ein anderes Erlebnis. Ich war auf dem Weg ins Training im voll besetzten Tram in Zürich. Da stand eine Person, die schaute mich an, als würde sie mich kennen. Plötzlich meinte der junge Mann: „Oder du kommst doch aus Landquart.“
Ich: „Ja, bist nahe dran… aber nicht ganz.“
Fan: „Du machst doch viel Sport.“
Ich: „Das kann ich nicht leugnen.“
Fan: „Oder du heisst doch Raphi.“
Ich: „Ja das stimmt… und was weisst du sonst noch über mich, und von wo kennst du mich überhaupt.“
Es stellte sich heraus, dass mich die Person überhaupt nicht kannte. Kollegen hatten von mir erzählt… offenbar so begeistert, dass die Person mich dann im voll besetzten Abendverkehrs Tram angesprochen hat. Das fand ich ziemlich komisch, und ehrlich gesagt auch etwas Unangenehm.

In Malans kennen mich die meisten und da habe ich auch einige Fans. Von einem Jungen weiss ich seit langem, dass er Fan ist von mir. Ich drehe meine Runden im Dorf und der Kleine begegnet mir… Winkt und grüsst wie wild. Ich grüsse zurück, halte aber nicht an, weil ich im Training bin. Hinter meinem Rücken höre ich sein Freund zu ihm sagen: „Wer war das?“ Der kleine Fan ganz entgeistert: „Kennst du den nicht! das ist Raphi, der ist mega berühmt.“ Ich musste schon etwas schmunzeln, aber es war halt auch ziemlich süss, da der kleine das Todernst meinte.

Ja, solche Sachen erlebe ich immer wieder. Wenn ihr wollt, gibt’s noch einen Teil zwei davon. Habe durchaus noch mehr solche Erlebnisse auf Lager.

Stützradkrimi – Der Sport lebt weiter

Bald war ich auch über die Enttäuschung des Schulwechsels hinweg. Ich war kein Kind der Traurigkeit, und so versuchte ich das Beste aus der Situation zu machen. Unihockey konnte ich momentan nicht spielen. Denn die Stöcke gehörten dem Schulhaus. An der neuen Schule waren die Pausen ganz anders. Keine grosse Action. Alle standen herum, und diskutierten miteinander. Es wurde auch kein Fussball gespielt. Ich wollte das ändern, und ging bis vor die Schulleitung um sie von meiner Unihockey Idee zu überzeugen. Ich meine, es brauchte ja nur ein paar Schläger, Ballen und zwei Tore. Die Schulleitung wies meine Idee ab, mit der Begründung: „Das wäre für Seebehinderte und Blinde Kinder zu gefährlich.“

In der Turnstunde genau die selbe Antwort. Ja, da gab es so was ähnliches wie Unihockey Stöcke, aber die waren gut versteckt im Lehrerzimmer. In der vierten Klasse hatte ich eine Sportlehrerin älteren Semesters, die ausserhalb von Leichtathletik und Geräteturnen wenig kannte. Es war schon eine Ausnahme, wenn wir mal ein Ballspiel machen konnten. Und eigentlich kannte sie nur ein Ballspiel. Ein Fussball, wo die Gruppen getrennt waren, und die ganze Wand bis zu einer gewissen Höhe als Tor galt. Die Mannschaften durften die Mittellinie jeweils nicht überschreiten. Gespielt wurde mit einem relativ grossen und weichen Ball. Das war aber schon ein Highlight. Die Turnstunden ohne grosse Action waren nicht so ein Ding für Jungs, aber besser als Schule war es allemal.

Was Sport anbelangte war ich schon damals sehr hart im nehmen. Mich konnte man rumscheuchen bis ich auf allen vieren kroch. Aufgeben gehörte schon damals nicht zu meinem Wortschatz. Im Sommer mussten wir manchmal ein bisschen längere Strecken laufen. „So, jetzt machen wir noch eine grosse runde“, meinte dann jeweils die Lehrerin. Und schon ging das Geklöne los. Auch wir waren phantasievoll im finden von Ausreden. Ich hätte es leicht gehabt. denn ich hätte Aussetzen können. Aber mein Kopf war immer dagegen, solche Sonderbestimmungen anzunehmen.

Gejoggt bin ich auch in meiner Freizeit. Ich hatte eine kleine Runde, vielleicht 700m die ich selbst machen durfte. Auf die Finnenbahn im Wald begleitete mich jeweils meine Mutter. Mit zügig marschieren konnte sie mir folgen. 1km Joggen schaffte ich damals schon.

Der Schulsporttag stand vor der Tür, und wir konnten auswählen welche Disziplinen wir machen wollten. Zur Auswahl stand auch der 1000m. Die meisten meiner Klasse machten einen grossen Bogen um diese harte Disziplin. Ich musste mich aber unbedingt anmelden.

Am Sporttag hatten wir schönes Wetter und dem entsprechend heiss. Wir machten alle unsere Disziplinen. Ich war relativ schnell durch und so war noch etwas Zeit zum Ausruhen vor dem 1000er. Plötzlich kam eine Lehrerin zu mir.
„Bist du müde Raphael?“
„Nein, ich ruhe mich nur noch etwas aus vor dem 1000 Meter“, antwortete ich.
„Du machst den 100 Meter? Bist du dir sicher?“ fragte die Lehrerin ungläubig.
„Klar bin ich mir sicher… ich bin im Training schon paar mal 1000 Meter gelaufen“, war meine Antwort.

Dann ging es an den Start. Es war Mittag und die Sonne brannte. Ein bisschen nervös war ich schon. Jetzt einfach mein Tempo laufen und am Anfang nicht zu schnell rein. Nachdem mir noch etwa Fünf mal gesagt wurde, dass ich nicht laufen muss, wenn ich nicht will, standen wir am Start. Jetzt war ich heiss. 2,5 Runden auf der 400m Bahn lagen vor mir. Startkommando und los gings. Ich war natürlich sofort der letzte, aber das spielte mir keine Rolle. Ich wurde überrundet, auch das war mir egal. Ich lief eisern mein Tempo. Für mein Alter, damals war ich bald 11 Jahre alt, war ich extrem gut im einteilen. Als ich auf die Zielgerade kam, wurde ich lautstark angefeuert. Zeit das letzte aus meinem Körper herauszuholen. Ich setzte zum Schlusssprint an. Völlig erschöpft kam ich über die Ziellinie und da kamen sie schon alle. „Super Raphael,“ „Gratuliere,“ usw. Ich dachte nur, Gebt mir doch bitte erst ein zwei Minuten.

Ich glaube andere waren mehr stolz auf mich als ich selbst. Ich tat nur, das was ein richtiger Sportler eben zu machen hat, wenn Wettkampf angesagt ist. Nämlich ans Limit gehen. Dieser 1000m war für mich das erste mal, dass ich für meine sportliche Leistung richtig Anerkennung bekam. Dies bleibt jedoch für die kommenden Jahre noch eine seltene Erfahrung.

 

Ich glaube damals wurde der Sportler geboren

Immer wenn ich an Wettkämpfen bin fragen mich die Leute, ob ich denn von meinen Eltern speziell im Sport gefördert wurde. Das ist ja oft der Fall, doch bei mir nicht. Meine Eltern sind die non Sportler schlichthin. Meine drei Geschwister machten als Kinder und Jugendliche kein Sport. Zumindest nicht Wettkampfsmässig. Der Sportteil der Zeitung landete als erstes ins Altpapier und mein Vater witzelte gerne mal Sportler. Alles in allem ein schlechter Nährboden für ein zukünftiger Sportler.

Meine Eltern hatten mich in meinen sportlichen Vorhaben tatsächlich wenig unterstützt. Sie haben nie verstanden, was ich daran so cool finde. Wenn ich es ja noch so als schönes Hobby nebenbei betrieben hätte, aber nein, Sport wahr mehr. Schon mit Zwölf wusste ich, dass ich ganz nach oben möchte. Und ich träumte nicht nur davon, sondern ich tat auch alles, um das auch zu erreichen. Wie konnte es sein, dass ausgerechnet das Körperlich behinderte Kind einer komplett unsportlichen Familie den Weg eines Leistungssportlers einschlägt?

Gesät hatten meine Eltern dies vermutlich Ende 1983 als sie sich für die Intensivtherapie nach Doman entschieden. Die Therapie ist aufgrund ihrer Intensität sehr umstritten. Mit mir (ich war damals 3 Jahre alt) wurde sieben Tage die Woche sieben Stunden am Tag gearbeitet. Doch die Therapie war extrem Fortschrittlich aufgebaut. Man predigte schon Muskelaufbau wo sonst alle noch auf schonen und eingipsten, um Fehlstellungen zu vermeiden, setzen. Die Therapie war ganzheitlich, und so zählte auch Augentraining und Intelligenztraining dazu. Ich konnte zum Beispiel schon vor meiner Einschulung lesen (und schreiben glaub auch). Die Therapie war aber auch ein knallhartes Trainingsprogramm, dass man sehr wohl mit dem Training eines Spitzensportlers vergleichen kann. Allerdings auch spielerisch aufgebaut wo es nur geht.

Ich denke aber es war nicht die Therapie an sich, die mich zum Sport gebracht hat, sondern der Fakt, dass die Therapie super zu mir passte. Ich konnte extreme Erfolge verbuchen. Von dem, der mein Leben veränderte, erzähle ich Euch heute.

Es war genau heute vor 32 Jahren. Wir Kinder planten eine „Zirkusvorstellung“ für den Abend. Das war die Idee meines grossen Bruders Urban. Als Abschlussnummer war was ganz spezielles geplant. Wir konnten es kaum erwarten, unsere Vorstellung zu halten. Nach dem Abendessen Holten wir alle in die Stube. Ich weiss noch, dass meine Eltern gerade nicht so Lust  auf „Zirkus“ hatten, aber wer kann das seinen Kids schon abschlagen 😉 Ab da habe ich Filmriss, vermutlich war das erlebte zu extrem für mich. Langer Rede, kurzer Sinn… Ich machte meine ersten frein Schritte, und das mit knapp sechs Jahren.

Von da an wusste ich wie Erfolg schmeckt und ich wusste auch, dass es sich lohnt zu kämpfen. Den Grundstein für meine sportliche Karriere haben also meine Eltern gelegt, wen auch nicht mit Absicht. Meine Eltern haben in meiner Kindheit extrem viel getan für mich. Ohne sie währe ich heute vermutlich irgendwo in einem Behindertenheim untergebracht, würde nicht sprinten nicht bloggen und wohl auch nicht programmieren. Dafür ein fettes Danke an meine Eltern und auch meine Geschwister die oft zurückstecken mussten.

Dass mich meine Eltern später so wenig im Sport unterstützt haben, kann ich ihnen nicht verübeln. Natürlich hat es mich genervt und in meiner Jugend wünschte ich mir auch manchmal einfach andere, sportbegeisterte Eltern. Aber gerade das zeigt, dass es nicht die Sportbegeisterte Familie braucht um hoch zu kommen. Ich weiss dass meine Eltern stolz auf mich sind, selbst wenn ich ein anderer Weg eingeschlagen habe als sie sich träumten.

Das optimale sportliche Umfeld habe ich mir dann später ausserhalb meiner Familie aufgebaut. Dazu kann ich dann in einem anderen Blog mal Stellung nehmen.

Blog 18 – Grossraumbüro SBB

Am Mittwoch Morgen startete mal wieder alles mit einem Morgentraining. Wie meist schon früh vor sechs Uhr. Es war eher ein Durchschnittstraining. Irgendwie bin ich schon etwas ausgelaugt. Die Trainingswoche, die am Sonntag startete, war anstrengend. Nach einer Stunde war das Ganze dann auch geschafft.

Weiter ging es im Büro, Bloggen und arbeiten für die Vefko. Bald haben wir die 20’000 Views und dieses Jahr ist bereits jetzt das Zweitbeste. Natürlich ist das grösstenteils der Tour geschuldet. Trotzdem bin ich auch jetzt so auf einem Schnitt von 20 – 30 Views pro Tag. Übrigens, wer keine Blogs mehr von mir verpassen will, kann den Blog abonnieren. Die Box dazu ist auf der rechten Seite.

Am Abend hiess es dann für mich, noch mal zum Training antreten. Mit dem Zug nach Zürich. Die ein stündige Fahrt nutze ich des öfteren zum Arbeiten. Da bin ich nicht der einzige. In der Schweiz ist das schon bei vielen Firmen Unternehmensstrategie. Reisezeit gleich Arbeitszeit, so zahlt sich die etwas längere Fahrzeit mit dem öffentlichen Verkehr plötzlich auch aus.

Ist irgendwie schon komisch… vor Jahren sagte mir mal ein Sunnie (so nannten sie die Mitarbeiter der Firma SUN Microsystems): „Als Programmierer landest du irgendwann im Management.“ Damals wollte ich ihm das nicht so recht glauben, aber wenn ich schaue, was ich heute so tue. Irgendwie alles, nur keinen Code schreiben.

Als ich Vefko startete, stellte ich mir das noch etwas anders vor. Es ist verrückt, wie viel Arbeit so ein Projekt macht, die keiner sieht. Vom Sponsoren suchen über Marketing bis hin zu rechtlichen Aspekten ist da alles dabei. Wer meint, mit programmieren alleine ist es getan, irrt sich gewaltig. Es hat schon manche gute Software gegeben die wegen dem schlechten Umfeld sich nie durchsetzen konnte und umgekehrt.

Das Training war nach einer Stunde auch vorbei. Das Koordinationstraining war dringend nötig. Da am Montag die Anlage geschlossen hatte, fehlte mir eines dieser Training. Wie ich ja bereits in früheren Blogs schrieb, Spass machen diese Trainings nicht. Ich bin wirklich froh, wenn am Donnerstag die Trainingswoche endlich zu Ende geht.

Irgendwann in der Nacht kam dann auch ich nach Hause und so ging auch ein weiterer Tag von mir zu Ende. Und wir lesen uns wieder, morgen um 17:00 Uhr

Blog 15 – In sieben Jahren eine Cerebral Parese wegtrainieren.

Am Samstag war ich am Pfingstmeeting in Zofingen (CH). Das ist ein relativ grosses Meeting. Ich entschied mich sehr kurzfristig, doch ein 100m zu laufen. Der Entscheid fiel am Freitag Morgen nach einem wirklich guten Morgentraining.

Seit etwas mehr als zwei Wochen habe ich den Verdacht, dass bei mir Muskelgruppen aktiv sind, die noch nie über längere Zeit aktiv waren. Ich konnte dieselben Muskelgruppen letztes Jahr mal für kurze Zeit ansprechen, jedoch nur für ein paar Tage. Auch wenn das natürlich einen unglaublichen Schritt nach vorne wäre, spüre ich aktuell vor allem die negativen Auswirkungen. Denn die Muskeln greifen falsch in den Bewegungsablauf ein, heisst, arbeiten ein Grossteil gegen die anderen Muskeln.

Das führt teilweise zu grösseren Probleme beim laufen. Ich knicke manchmal zum Beispiel einfach ein, wenn das rechte Bein mal zum falschen Zeitpunkt anzieht. Das Koordinationstraining hat meist „verschlimmernde“ Wirkung, weil danach die Muskeln aktiver sind. Mit dem Fahrradtraining kann ich das wieder ausgleichen, da die runde Bewegung des Fahrrads den Muskeln klarere Vorgaben macht als das freie Gehen.

Ich hoffte, in Zofingen die Muskeln vielleicht mal einsetzen zu können, und mit einer guten Zeit beweisen, dass meine These auch stimmt. Das gelang mir leider nicht. Es braucht wohl noch etwas Zeit.

Trotzdem spürte ich auch hier wieder die Muskeln im Einsatz… wenn auch völlig falsch. Aber hey, die Muskeln machen endlich mit… nach 37 Jahren. Die müssen nicht in den ersten Monaten schon können, was die anderen in all den Jahren lernten!

Das Publikum war während dem Lauf 1a. Alle klatschten mich im Takt über die Ziellinie. Aber noch viel besser waren die einzelnen Gespräche. Alle sagten klipp und klar: „Hey, das musst du durchziehen, egal wie hart und beschissen die Trainings sind.“

Beschissen und hart sind die Trainings, ja. aber das spielt mir immer weniger eine Rolle. Denn ich habe ein Ziel vor Augen dass ich schon ganz weit hinten am Horizont sehe. Ich kämpfe mich langsam vor zu dem Ziel. Schritt für Schritt, Training für Training. Klar, das wird kein Spaziergang. Dieses Ziel wird noch mal alles von mir verlangen. Vor allem wird es mein Durchhaltewillen noch mal auf die Probe stellen.

Sieben Jahre gebe ich mir Zeit, um das Monster CP zu besiegen!

Blog 10 – Erstes Ettappenziel, 100m unter 30s

Es ist Zeit für mich, mein erstes Etappenziel auf dem Weg zum normal laufen zu veröffentlichen. Ich nenne die Ziele mit Absicht Etappenziele und nicht Saisonziele. Denn es ist eine Etappe auf dem langen Weg zum normalen Laufen. Im Lauf in La Chaux-de-Font habe ich eine Zeit über 34 sec gehabt. Die PB, die ich vor 3 Jahren in Winterthur aufstellte beträgt 28.88. Eine Zeit unter 30 ist also für den Moment eine gute Zeit.

Ich hätte dieses Ziel auch als Saisonziel setzen können, doch damit fixiere ich mich, dieses Ziel an einem Saisonhöhepunkt zu erreichen. Anders als andere Athleten arbeite ich nicht auf einen Saisonhöhepunkt hin. Ich erreiche die Zeit mit dem Verbessern der Koordination, und nur damit. Die Zeit wird automatisch fallen, wenn die Koordination verbessert ist.

Der Fokus wird aktuell auf dem rechten Bein liegen. einerseits dass es sich mehr durchstreckt, und andererseits auf Intermuskuläre Koordinationsoptimierung. (Das Zusammenspiel der einzelnen Muskeln) Für das Durchstrecken ist natürlich zum einen Dehnen angesagt, andererseits auch eine Lösung der Spastik. für die Intramuskuläre Koordination ist das Fahrradtraining und zum Beispiel auch Slow Motion Training (zum Beispiel auf dem Laufband) eine Möglichkeit. Bewegungsvorstellung kommt dabei auch zum Einsatz. Zwischendurch gibt es immer wieder praktische Teile, in denen das ganze umgesetzt wird. In langsamen und in schnellen Bewegungen.

Videoanalysen werden regelmässig zur Erfolgskontrolle gemacht, und damit ich weiss, woran ich gerade arbeiten muss. Denn das Gefühl und die Realität unterscheidet sich manchmal erheblich.

So habe ich mein Ziel vor meinem zweiten grossen Lauf veröffentlicht. Damit wissen nun alle, was diese Saison Sache ist.

Blog 9 – Endlich geht es wieder bergauf

Nach dem ich nun eine Woche gelitten habe, und nicht vom Fleck kam, geht es nun sportlich endlich wieder bergauf. Schon das gestrige Morgentraining war ganz in Ordnung. Am Nachmittag war es dann richtig gut. Ich hatte ziemlich tempo drauf, und die Kadenz war ok. Mit schneller Kadenz habe ich noch immer etwas mühe, aber das kann sich ja auch nicht von einem Tag auf den anderen verziehen.

Heute Abend war das Training nicht mehr ganz so gut wie gestern Abend, aber vergleichbar mit dem gestrigen Morgentraining. Allerdings sind die spastischen Muskeln fast noch etwas entspannter. Wie diese Trainingswoche aussieht, weiss ich noch nicht ganz. Das hängt stark davon ab, ob ich nach Langenthalt gehe oder nicht. Aktuell ist auf Donnerstag Regen gemeldet, das kann sich allerdings noch ändern. Ich denke ich werde so am Dienstag Abend entscheiden, ob ich in Langenthal antreten werde.

Sicher werde ich am Montag Laufkoordination machen, und am Dienstag ein eher schnelles Fahrradtraining. Wenn es nach Langenthal geht, mache ich am Mittwoch eine Pause, um am Wettkampf fit zu sein. Gehe ich nicht nach Langenthal suche ich vielleicht einen Alternativwettkampf am Wochenende. (vorausgesetzt, das Wetter stimmt dann)

Ach ja, es ist nicht so, dass ich Wasserscheu währe. Bis jetzt habe ich eigentlich jeden Wettkampf gemacht, auch bei Regen. Es ist halt nur so, dass diese Saison mehr eine Zwischensaison ist, wo der Fokus auf den Trainings, und nicht auf Wettkämpfen liegt. Für die paar Wettkämpfe die ich mache, möchte ich dann halt einigermassen gute Bedingungen. Und dazu gehört für mich eine Trockene Bahn.

Auf jeden Fall bin ich froh, dass das mit der Spastikerhöhung nur eine Phase war. Es zeigt sich, dass es sich wirklich lohnt, da etwa hartnäckig zu sein, und die Trainings trotzdem zu machen. Das war auch ein wichtiger Grund für den Tourabbruch. So hart ans Limit, wie ich die letzten Tage gegangen bin, kann man auf einer Tour nicht gehen. Es sei dann, man fährt mit Betreuung und Begleitfahrzeug. Von da her ist es gut, dass ich wieder im richtigen Training angekommen bin.

Blog 8 – Der tägliche sportliche Kampf

Ja, die letzten Trainings waren nicht gut. Am Mittwoch musste ich mich wieder mal ins Training zwingen. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust. Sprinttraining war angesagt, doch da ich schon den ganzen Tag mit gehen meine Probleme hatte, wird es wohl eher ein Koordinatives Training.

Auf der Zugfahrt nach Zürich hatte ich meine Zeit, mir Gedanken zu machen und ich fragte mich mal wieder, warum ich mir das antue. Die Antwort kam von der anderen Seite vom See von Rapperswil-Jona. Florian Schmuckli, ein Verteidiger von denen, kenne ich seit er noch ein kleiner Junge war. Er träumte schon Damals vom Hockeyprofi in der höchsten Schweizer Eishockey Liga. Heute ist er es. Er legte mit Rapperswil-Jona Lakers eine unglaubliche Saison hin. Holten als unterklassiges Team erst den Cup Sieg und erreichten am Ende das Saisonziel – den Aufstieg in die Höchste Schweizer Liga. Florian selbst hat vor der Play Off noch den Vertrag um zwei Jahre verlängert.

Florian hat mich einst bewundert, für meinen Willen und meinen Kampfgeist. Ich möchte hier sagen, dass Rappi auch einen Einfluss auf mein Comeback hatte, auch wenn das natürlich nie von ihnen Beabsichtigt war. Der Cupsieg kam genau in diese Zeit, in der ich mir ernsthaft Gedanken über ein Comeback machte. „Die rackern sich gerade für ihr Ziel ab, und ich… ich hab es vor einem Jahr aufgegeben“, dachte ich mir damals. Gerade wenn es nicht so läuft, baue ich mich an solchen Erfolgsgeschichten wieder auf.

Das täuscht leider nicht über die aktuellen Probleme hinweg. Die Spastischen Muskeln setzen offenbar alle Hebel in Bewegung um mich vom Training abzuhalten. Offenbar haben sie was zu verlieren. Das Koordinationstraining scheint zu wirken, nur wie weiss ich noch nicht. Aktuell lassen die Muskeln nur sehr langsame Bewegungen zu bei schnellen spielen sie verrückt. Doch diese Saison mache ich weiter! Da könnt ihr Muskeln protestieren wie ihr wollt. Das ist der unterschied von dieser zur letzten Saison

„Ich werde mein Leben lang für bessere Schritte kämpfen“, sagte ich mal in einem Zeitungsinterview. Ich hab mir das mal auf die Fahne geschrieben und auch wenn es etwas vergilbt ist, es steht immer noch da! Ich rüste mich für ein langen Kampf mit meiner Behinderung über mehrere Saisons. Doch ich nehme Training um Training, Wettkampf um Wettkampf und gebe mein Bestes. Nur so kommen wir zum Ziel.

Und an Florian und die Rapperswil-Jona Lakers, bald schon werdet ihr ins knallharte Sommertraining starten. Und wenn ihr da mal bei strömendem Regen oder 35°C am Schatten einen Dauerlauf machen dürft, dann denkt daran, dass ihr das letztlich nicht nur für Euer spielen tut. Durch Euer Einsatz setzt ihr ein Zeichen und helft damit – ohne es zu wissen – auch anderen Menschen, die dieses Zeichen gerade dringend benötigen.

Und ich stehe nächsten Donnerstag in Langenthal über 100m am Start. Zumindest bei gutem Wetter. Bei Regen ist das Verletzungsrisiko auf der Bahn zu hock, da ich ohne Spikes laufe.

Stützradkrimi – Der Anfang

Ihr habt abgestimmt, und ihr wollt die Story lesen. Also schreibe ich sie auf, für Euch und vielleicht auch für mich. Viel Spass damit.

Irgendwann im Jahr 1988. In einem kleinen Landschulhaus in Hünenberg gehe ich in die Schule. Ich bin Integrationskind – damals noch eine komplette Ausnahme. Meine Eltern kämpften sehr dafür, weil sie in meiner Intelligenz das Potential für meine Zukunft sahen. Normalerweise hatte man für Fälle wie mich extra Schulen. Setzten sich die Eltern nicht extrem ein, ging alles seinen Lauf. Etwas überspitzt gesagt, schon nach der Diagnose ist der Heimplatz reserviert.

Von all diesen Kämpfen wusste ich nichts. Für mich war es normal in die normale Schule zu gehen. Schliesslich war meine Behinderung ja in den Beinen, und nicht im Kopf. Ich fühlte mich auch gar nicht so anders. Klar ich wusste um meine Behinderung aber ich machte an den meisten Orten mit. Meine Klassenkameraden machten mir das auch einfach. Ich gehörte einfach dazu.

Ich selbst wuchs in einer Bauernfamilie auf, es zählten Werte wie Arbeiten und draussen sein. Mir brauchte man das nicht zwei mal sagen. Ich half gerne wo ich konnte und testete aus, was mit Behinderung so alles Möglich ist. Ich hatte Interesse am Bauern. Doch meinen Eltern war klar, dass ich wohl nie den Hof übernehmen werde. Sie hofften, dass ich vielleicht die Matura (in Deutschland Abi) schaffe und dann Studiere. Auf diese Weise sollte auch ich ein selbständiges Leben führen können. Das waren so die Ideen meiner Eltern.

Doch Kinder sind nicht nur den Einflüssen der eigenen Familie ausgesetzt. Mit der Einschulung prägen auch die Kontakte der Schulfreunde das Leben. Und was war unter Jungs im alter von sieben bis zehn Jahre so ein Dauerthema? Natürlich Sport! Ich konnte mich dem nicht entziehen. Meine Eltern schauten ziemlich blöde, als ich mir zum Geburtstag nichts anderes als ein Fahrradtacho wünschte. Ich muss dazu sagen, dass damals Fahrrad Tachometer noch was ganz spezielles war. Die wenigsten hatten so einen.

Für meine Eltern war das nicht verständlich. Sie sind auch die non Sportler schlichthin. Mein Vater meinte oft: „Wer richtig Arbeitet, braucht am Abend nicht noch Sport machen.“ Doch ich wollte nichts anderes als mein Zähler. Ich habe es einem äusserst einfallsreichen Fahrradmechaniker zu verdanken, dass mein Geburtstagsgeschenk erfüllt wurde. Es war damals ziemlich schwierig, einen Zähler zu finden, der an das Haverich Therapierad mit den kleinen Räder passte.

Endlich wusste ich wie viel und wie schnell ich fahre. Ich konnte mich messen. Mit mir selbst und mit anderen.  Schon bald hing auch ein Poster vom Schweizer Radrennfahrer Tony Rominger an der Wand. Der Sportler in mir war geboren und keiner hat’s gemerkt.

Fortsetzung folgt