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Die Zeit steckt nicht in der Uhr

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf einen Beitrag einer Bloggerin. Sie hat in Ihrem Blog beschrieben warum sie in der heutigen digitalen Welt wieder auf eine analoge Uhr zurückgreift. Im Prinzip spricht sie zwei Probleme an. Einerseits das Zeitmanagement, und andererseits den Umgang mit unseren digitalen Helfern. Über beide Themen wollte ich schon lange mal bloggen. Ich werde das aber auch in zwei Blogs machen. Heute ist das Zeitmanagement dran.

Ich lebe seit meinem 12. Lebensjahr eigentlich fast immer ohne Uhr. Und das obschon ich in einer Gesellschaft lebe, in der man böse angeschaut wird, wenn man fünf Minuten zu spät kommt. Ok, ich gebe zu, Pünktlichkeit war lange Zeit nicht meine Stärke und im Jugendalter diente das „keine Uhr haben“ oft auch als Ausrede für das zu spät kommen. Doch eigentlich ist das Schwachsinn. Denn erstens gibt es heute überall Uhren. Und zweitens gibt es auch noch eine Innere Uhr, und die ist viel präziser als man glaubt

Ich brauche zum Beispiel seit Jahren kein Wecker mehr zum aufstehen. Nein, man kann die Innere Uhr nicht auf 6:00 Uhr stellen, aber man kann vor dem Schlafen gehen auf irgend eine Uhr schauen und sagen, ok, 4h zum schlafen. Ich wache dann jeweils ein paar Minuten vorher auf. Am Tag mach ich das genau so. Wenn ich ein Termin habe sage ich mir ok, in zweieinhalb Stunden muss ich los. ein paar Minuten vor dem Termin fühle ich dann in mir, dass ich los sollte. Das funktioniert selbst dann wenn ich total beschäftigt mit etwas bin.

Viele Menschen haben meiner Auffassung nach eine komische Auffassung von einem guten Zeitmanagement. Un unserer Gesellschaft ist es sehr angesehen, wenn man einen durchgetakteten Alltag hat. Stress ist sogar zu einem Statussymbol geworden. Aber den meisten fehlt dabei dann doch nicht die Zeit um jemandem noch zu erzählen welche wichtigen Termine heute noch anstehen.

Kluges Zeitmanagement hat nichts mit dem durchtackten des Tages zu tun, sondern mit dem bewahren möglichst vieler Freiräume. Wenn man die Termine mal genau unter die Lupe nimmt, wird man feststellen, dass viele eigentlich gar nicht Zeitlich festgelegt werden müssten.

Ok, ein Beispiel aus der Praxis. Steffen Prey und ich planen gerade einen Podcast/Stream. Wir sind beide gut beschäftigt. Er ist selbständig im Bereich Journalismus und IT-Suppurt. Ich habe Vefko und den Sport. Wir machen unsere Besprechungen jeweils per IT Telefonat. Einige würden sich für die online Sitzung vermutlich erst mal einen Termin suchen. Wir machen das einfach spontan. Und das funktioniert sehr gut. Den Stream können wir dann aber nicht spontan machen. den müssen wir planen.

Ich bin mir schon bewusst, dass ich mit Home Office ein Paradies habe, was Spontanität angeht. Aber mir ist das eben sehr wichtig. Denn die vielen Freiräume bieten Chancen, Zeit zu haben wenn es wichtig ist. Wie viele Chancen werden täglich verpasst, nur weil Leute in dem Augenblick gerade keine Zeit zu glauben haben?

Die Uhr am Handgelenk ist für mich so eine Symbolik für das Durchgetaktete Leben, in der man ständig auf die Sekunde genau wissen muss, wie spät es ist. Eine Krankheit unserer Gesellschaft meiner Meinung und daher spiele ich das Spiel nicht mit.

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Stützradkrimi – Unnötige Barrieren im Kopf

Von nun an war UHC Einhorn Hünenberg ein fester Bestandteil meines Lebens. Die Heimspiel Daten waren heilig und die Spieler meine Vorbilder. Ja, meine Kollegen an der Schule haben mich nicht verstanden, weshalb ich so ein kleinen Hobbyclub verehrte und nicht mehr den grossen Eishockey Profi Verein der Umgebung. Aber das war mir egal. Ich stand jeden Spielabend in der Halle und feuerte meine Mannschaft lautstark an.

Auch wenn ich durch den Unihockey Club erste Kontakte zu Nichtbehinderten knüpfte, die nicht irgendwelche Familiäre Verbindungen hatten, war ich nicht glücklich. Mir fehlte etwas, und ich wusste nicht was es war. Eigentlich sollte es mir gut gehen, ich hatte eine intakte Familie, Freunde in der Schule, und ich hatte auch Kontakt ins Dorf. Doch genau da lag der Haken. Ich hatte so gut wie kein Kontakt zu Gleichaltrigen.

Das Problem war, dass ich auf eine Sonderschule ging, aber nicht dort im Internat war. Solche Behinderteninstitutionen kann man sich wie eine Parallelwelt vorstellen. Sie sind eigentlich dazu gemacht, das Behinderte dort Leben. Das Konzept basiert darauf, dass Behinderte in der offenen Gesellschaft meist keine Freunde finden. Das ständige gemeinsame soll dieses Manko etwas kompensieren.

Ja, es gibt behinderte die blühen unter solchen Bedingungen regelrecht auf, ich gehörte nie dazu! Ich brauchte Normalität und die Welt da draussen. In den Behinderteninstitutionen war mir das alles zu fürsorglich, und zu defizitorientiert. Sicher war das meist nicht böse gemeint. Wenn die Erzieherinnen wieder mal ihr „Aber sei mal realistisch, du bist Behindert!“ auspackten, wollten sie ihre Schützlinge nur vor Enttäuschungen bewahren. Ich konnte diesen Satz nicht mehr hören!

Trotzdem blieb irgendwie etwas von dem Ganzen bei mir hängen. Auch wenn mir das heute keiner glaubt, ich hatte Angst auf gleichalterige zuzugehen. Ich hatte Angst von anderen Jugendlichen wegen meiner Behinderung abgelehnt zu werden. Es war so eine irrationale Angst, denn ich hatte grösstenteils positive Erfahrungen mit Nichtbehinderten. Ich bildete mir ein, dass die ohne jeglichen Erwachsenen als Begleitung fies sein könnten.

Nach dem ich vor dem Einschlafen eine richtig üble Jugendkriese hatte mit vielen Tränen, beschloss ich, am anderen Tag ins Dorf zu gehen und Kontakt aufzunehmen. Das tat ich dann auch tat und ich fragte mich danach: „Warum hast du das nicht schon lange getan.“ Denn es waren alle nett und ich wurde mir bewusst was ich da für eine Mauer im Kopf hatte. Was nicht heissen soll, dass ich der einzige war, der eine Barriere im Kopf hatte.

Mit 18 schrieb ein Clubkollege von Einhorn eine Diplomarbeit über mich und meinen Werdegang. Er hat seine erste Begegnung mit mir sehr eindrucksvoll beschrieben. Was ich nicht wusste, er kannte mich schon lange und hat mich wohl in der Zeit, in der ich selbst zu Einhorn stiess das erste mal entdeckt. Er schrieb, dass er eigentlich ein Spiel schaute, doch dann sah er mich und das Spiel war völlige Nebensache. Er fragte sich, woher ich komme, wie ich heisse, und was ich mache… und natürlich warum ich so laufe. All diese Fragen wäre schnell beantwortet gewesen, doch er traute sich nicht, mich anzusprechen.

Diese Zeilen der Diplomarbeit haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Bestimmt wären wir super Freunde geworden wenn wir einfach mal über den Schatten gesprungen wären, und Kontakt miteinander aufgenommen hätten. Stattdessen bauen wir Mauern in unseren Köpfen mit Klischees die vollkommener Schwachsinn sind.

Stützradkrimi – Brief des 38 jährigen Raphael an den 13 jährigen Raphi

Ich war grundsätzlich ein glücklicher Junge, der auch seine Behinderung akzeptiert hat. Im unterschied zu meiner frühen Kindheit wusste ich nun, dass das nicht einfach so verschwinden wird. Grössten Teils war das ok für mich, aber es wäre gelogen, wenn ich nicht auch mit dem „Warum“ zu kämpfen hatte. Ja, es gab auch Tränen, Abends vor dem einschlafen. Damals hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als ein Motivationsschreiben von einem anderen Selbstbetroffenen. Der genau wusste, wo ich gerade durchgehe. Heute möchte ich genau das tun. Ich schreibe einen Brief an mich selbst in der Vergangenheit.

Lieber Raphi

Ich schreibe dir aus der Zukunft. Verdammt viele Jahre sind vergangen und ich möchte Dir etwas Mut machen. Das Leben als Behinderter ist wahrlich nicht immer leicht, das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Du fragst dich gerade warum gerade du Behindert bist. Du willst nicht anders sein, Du willst einfach nur dazu gehören!

Erst mal, vergiss es ganz schnell, dass du nicht dazu gehörst, weil du anders bist. Du bist wie ein spezielles Puzzleteil. Das passt eben nicht überall, ist dafür dort wo es passt umso wichtiger. Es wird nicht so leicht sein, dein Platz zu finden. Wenn Du ihn aber hast, wirst du dort wichtige Funktionen übernehmen.

Ich kann dir sagen, dass ich heute glücklich bin, die Behinderung zu haben. Mein Leben währe ohne sie wohl komplett anders verlaufen. Ich musste sehr früh lernen, für mich und meine Träume einzustehen. Ich lernte früh zu kämpfen und zu verlieren. Nur so konnte ich zum Gewinner werden. Viele meiner Träume habe ich verwirklicht und gelebt. An anderen Träumen arbeite ich gerade. Dadurch durfte ich ein Vorbild für viele Menschen werden. Hört sich toll an oder? Nein, es ist noch viel schöner als du dir das vorstellst. Das Gefühl wenn jemand zu dir kommt und sagt: „Dank dir habe ich…“ lässt sich nicht beschreiben, man muss es erlernt haben.

Ja, als Behinderter schwatzen einem alle rein. Lehrer, Erzieher, Therapeuten, Ärzte und auch die Eltern. Alle glauben zu wissen, was für einem gut ist, und was nicht. Alle zerren an dir, um dich in die „richtige“ Bahn zu bringen. Das ist absolut hässlich. Lass dich von ihnen nicht einfach so von der Bahn bringen. Wenn du einen Traum hast, folge ihm. Auch wenn du heute noch nicht weisst, wie du ihn erreichen willst.

Sie werden Dich auf Teufel komm raus versuchen so normal wie möglich zu machen. Doch dieser Weg ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Als Behinderter muss man den Ort finden wo man rein passt und man seine Stärken ausspielen kann. Trotzdem ist es wichtig Du an deinen Schwächen (zu der auch die Behinderung gehört) arbeiten.

Ich hoffe, dich damit etwas motiviert zu haben. Gib Vollgas und Behindere dich nicht selbst, in dem du überall nur Behinderung siehst!

Liebe Grüsse
Raphael (mit 38 Jahren)

Und nein, dieser Brief ist nicht ausschliesslich für den kleinen Raphael, und auch nicht ausschliesslich für Behinderte. Wenn Du dich davon angesprochen fühlst, ist er wohl auch für dich.