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Stützradkrimi – Der beste Fan oder noch mehr?

Es ging wieder auf eine Unihockey Saison zu, und ich war wieder an vorderster Front mit dabei, wenn es hiess, mein Team anzufeuern. Ich war definitiv der Fan, der dem Team am nächsten war. Die Spiele verbrachte ich nicht mehr auf der Zuschauerbank sondern unten an der Bande. Nicht dort wo die Spieler waren, denn das wäre ein Reglementverstoss gewesen, dort dürfen nämlich nur die offiziellen Betreuer hin. Meistens Stand ich hinter der Ecke hinter dem Tor. Neben dem dass ich immer wieder kräftig anfeuerte, war ich aber meist auch am Banden richten. Im Unihockey verschieben sich Banden in harten Zweikämpfen oder sie fallen gar auseinander. Jemand muss dann ganz schnell das Problem wieder beheben, damit das Spiel nicht unterbrochen werden muss. Manchmal half ich auch bei den Strafen aus, da musste man die Spieler nach abgelaufener Straffe wieder aufs Feld schicken. Ich machte mich halt nützlich wo ich konnte.

Immer öfter tauchte ich auch in den Trainings der ersten Mannschaft auf. Auch da half ich immer wieder. Sei es verschossene Bälle zurück ins Feld zu spielen oder die Bälle einsammeln. Ich war also ein bisschen Balljunge. Im Gegenzug konnte ich den etwa 5 m Breite Streifen neben dem Feld nutzen um Wand ab zu spielen, und so meine Schussfähigkeit zu verbessern. Wenn die Mannschaft mal nur das halbe Spielfeld brauchte (z.B. bei einer Übung), konnte ich sogar auf der anderen Hälfte aufs leere Tor ballern. So lange ich das Training nicht störte war das ok. Und darauf habe ich immer geachtet. Denn ich wollte ja, dass „meine“ Mannschaft gut trainieren konnte. Das schönste war aber sicher, wenn sich mal einer der Spieler Zeit nahm um mit mir ein bisschen zu spielen. Vor allem der eine Schwede forderte mich immer wieder heraus. Da sagte ich natürlich nicht nein, auch wenn der mich meist schwindelig spielte.

Ja, ich war schon ein richtiger Fanboy. Allerdings war es halt nicht die typische Fan Beziehung in der der Spieler den Fan überhaupt nicht kennt. Die Spieler waren sowas wie Freunde für mich aber ich bewunderte sie eben auch. Mir hätte man viel nehmen dürfen, aber nicht mein Einhorn. Für mich war das ein Platz wo ich all meine Probleme draussen lassen konnte. Vor allem war es aber ein Platz wo ich nicht auf meine Behinderung reduziert wurde, und das ist vermutlich das beste was man für einen Behinderten tun kann. Erfordert aber auch von dem Behinderten selbst, dass er sich nicht ständig auf die Behinderung bezieht. Aus der Sicht von damals war ich immer etwas unglücklich, dass ich Einhorn Hünenberg nicht mehr zurückgeben konnte. Doch ich glaube, ich bedeutete den Spieler wesentlich mehr, als mir je bewusst war.

Ich dachte halt, nur weil ich da etwas „Hopp Einhorn“ schreie, bin ich noch lange keine wichtige Person. Natürlich weiss ich bis heute nicht vollends, was ich einzelnen Spielern bedeutet habe, doch spätestens als ich selbst Fans hatte, wusste ich wie krass ich die Wirkung meines Anfeuerns unterschätzte. Auf jeden Fall so viel, dass das Team mal etwas für mich tun wollte (obschon sie das schon dauernd taten, ohne es vielleicht zu merken). Ich hatte unlängst Geburtstag, und es war ein Heimspiel angesagt. Ich war etwas spät dran, das Spiel lief schon fünf Minuten. Ich ging meinen gewohnten Weg, und wurde aber gleich vom Schweden (Er kein Deutsch und ich kein Englisch) abgefangen. Mit Händen und Füssen lotste er mich in die Spieler Garderobe und gab mir ein Original Spielertrikot. Darauf haben alle Spieler unterschrieben. Zurück in der Halle meinte ein Spieler: „Das musst du jetzt aber anziehen. Wir wollten dich eigentlich vor dem Spiel zum besten Fan von Einhorn ehren, aber du warst ja nicht da.“

Ab jetzt hab ich wohl keine Ausreden mehr, ich gehöre zum Team. Denn ausser mir und den Spielern hatte niemand dieses Trikot. Viele Fans würden sich über ein signiertes Trikot freuen, doch für mich hatte das noch eine ganz andere Bedeutung. Mit dem Shirt setzte das Team ein klares Zeichen und sagte: „Du bist einer von uns, und egal was da kommt, wir stehen hinter dir!“ Und wie ernst sie das meinen, erfahrt ihr in der kommenden Folge.

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Stützradkrimi – Basketball als neues Hobby

Mittlerweile hatte ich mich im Dorf schon etwas eingelebt. Einige Jugendliche kannten mich bereits, und Barriere ist wesentlich kleiner geworden. Eines Abends streifte ich wieder mal mit meinem Stützradfahrrad durch das Dorf, als ich plötzlich ein paar Jungs Basketball spielen sah. Mich interessierte das, und so fuhr ich mit meinem Fahrrad auf den Platz.

„Willst du auch einen Wurf“, fragte der eine. Natürlich bejahte ich, denn Basketball ist nach Unihockey und Fahrrad meine drittliebste Sportart. Und wie es der Zufall wollte, ich traf sofort. „Woho, das musst du wiederholen“, meinte der Junge zu mir und warf mir den Ball noch mal zu. Zweiter Schuss, knapp vertroffen. „Komm noch mal“, meinte er. Und wieder war er drin. „Nicht schlecht, woher kannst du so gut spielen?“
„Ach treffen konnte ich schon immer“, meinte ich zu ihm.

Wir stellten uns gegenseitig vor, und dann spielten wir weiter. Ich fand das cool einfach mal mit anderen gleichaltrigen Nichtbehinderten Sport zu machen. Ausserdem waren mir die Jungs sehr sympathisch. Wir waren mitten im Werfen als plötzlich noch zwei weitere erschienen. „Wir haben um 18:00 abgemacht wo wahrt ihr?“ „Sorry Hausaufgaben!“, meinten die Neuankömmlinge. Ach das Problem kommt mir bekannt vor, dachte ich. Und plötzlich waren wir 6 Leute auf dem Platz. „Ok Jungs, spielen wir?“ fragte einer.

Oh nein, die wollen jetzt spielen, da darf ich bestimmt nicht mitmachen, dachte ich. Da ich mich nicht aufdrängen wollte, ging ich schon mal zu meinem Fahrrad. Die Jungs auf dem Feld diskutierten. „Wir sind drei gegen zwei, das geht nicht auf“ meinte der eine. Einer der neu dazugekommenen: „Und was ist mit dem da draussen, spielt der nicht mit?“ Ein anderer: „Raphi, wir brauchen dich, ohne dich geht’s nicht auf!“ Das war wohl nichts mit dem leisen Abgang.

Wir spielten und spielten. Zwischendurch gab es eine kleine Pause, und dann ging es wieder weiter. Und wer glaubte, dass die Jungs mich fragten, ob ich morgen auch wieder komme, der irrt sich. Denn sie liessen mich eigentlich gar nicht entscheiden. „Cool dass du da warst, bis morgen um 18:00 Uhr, wieder hier“, meinte einer. Ja gut, da wusste ich ja, was ich am nächsten Abend machte.

Diese Basketball Gruppe war wirklich speziell. Wir trafen uns jeden Abend über die Sommer Monaten um 18:00. Es gab ein paar Stammspieler, und ein paar die unregelmässig kamen. Aber es hatte immer genug für ein Spiel. Ja, und auch wenn sich das die jüngeren Leser nicht vorstellen können, das klappte ganz ohne Handy. Die Gruppen machten wir selbst, und wir schauten auch für die fairness. Fouls gab man in der regel selbst zu, und es wurden keine Punkte gezählt. Wir waren zwar ehrgeizig, aber nicht verbissen. Das Spiel endete meist dann, wenn wir vor Dunkelheit die Körbe nicht mehr sahen. Und das wetter war natürlich nie eine Ausrede.

Diese Abende waren für mich Gold wert. Nicht nur wegen dem Sport, sondern auch wegen der Freundschaft. Und falls das einer der Jungs von damals liest, DANKE für die Zeit, ich denke noch heute ab und an daran.

Stützradkrimi – Unnötige Barrieren im Kopf

Von nun an war UHC Einhorn Hünenberg ein fester Bestandteil meines Lebens. Die Heimspiel Daten waren heilig und die Spieler meine Vorbilder. Ja, meine Kollegen an der Schule haben mich nicht verstanden, weshalb ich so ein kleinen Hobbyclub verehrte und nicht mehr den grossen Eishockey Profi Verein der Umgebung. Aber das war mir egal. Ich stand jeden Spielabend in der Halle und feuerte meine Mannschaft lautstark an.

Auch wenn ich durch den Unihockey Club erste Kontakte zu Nichtbehinderten knüpfte, die nicht irgendwelche Familiäre Verbindungen hatten, war ich nicht glücklich. Mir fehlte etwas, und ich wusste nicht was es war. Eigentlich sollte es mir gut gehen, ich hatte eine intakte Familie, Freunde in der Schule, und ich hatte auch Kontakt ins Dorf. Doch genau da lag der Haken. Ich hatte so gut wie kein Kontakt zu Gleichaltrigen.

Das Problem war, dass ich auf eine Sonderschule ging, aber nicht dort im Internat war. Solche Behinderteninstitutionen kann man sich wie eine Parallelwelt vorstellen. Sie sind eigentlich dazu gemacht, das Behinderte dort Leben. Das Konzept basiert darauf, dass Behinderte in der offenen Gesellschaft meist keine Freunde finden. Das ständige gemeinsame soll dieses Manko etwas kompensieren.

Ja, es gibt behinderte die blühen unter solchen Bedingungen regelrecht auf, ich gehörte nie dazu! Ich brauchte Normalität und die Welt da draussen. In den Behinderteninstitutionen war mir das alles zu fürsorglich, und zu defizitorientiert. Sicher war das meist nicht böse gemeint. Wenn die Erzieherinnen wieder mal ihr „Aber sei mal realistisch, du bist Behindert!“ auspackten, wollten sie ihre Schützlinge nur vor Enttäuschungen bewahren. Ich konnte diesen Satz nicht mehr hören!

Trotzdem blieb irgendwie etwas von dem Ganzen bei mir hängen. Auch wenn mir das heute keiner glaubt, ich hatte Angst auf gleichalterige zuzugehen. Ich hatte Angst von anderen Jugendlichen wegen meiner Behinderung abgelehnt zu werden. Es war so eine irrationale Angst, denn ich hatte grösstenteils positive Erfahrungen mit Nichtbehinderten. Ich bildete mir ein, dass die ohne jeglichen Erwachsenen als Begleitung fies sein könnten.

Nach dem ich vor dem Einschlafen eine richtig üble Jugendkriese hatte mit vielen Tränen, beschloss ich, am anderen Tag ins Dorf zu gehen und Kontakt aufzunehmen. Das tat ich dann auch tat und ich fragte mich danach: „Warum hast du das nicht schon lange getan.“ Denn es waren alle nett und ich wurde mir bewusst was ich da für eine Mauer im Kopf hatte. Was nicht heissen soll, dass ich der einzige war, der eine Barriere im Kopf hatte.

Mit 18 schrieb ein Clubkollege von Einhorn eine Diplomarbeit über mich und meinen Werdegang. Er hat seine erste Begegnung mit mir sehr eindrucksvoll beschrieben. Was ich nicht wusste, er kannte mich schon lange und hat mich wohl in der Zeit, in der ich selbst zu Einhorn stiess das erste mal entdeckt. Er schrieb, dass er eigentlich ein Spiel schaute, doch dann sah er mich und das Spiel war völlige Nebensache. Er fragte sich, woher ich komme, wie ich heisse, und was ich mache… und natürlich warum ich so laufe. All diese Fragen wäre schnell beantwortet gewesen, doch er traute sich nicht, mich anzusprechen.

Diese Zeilen der Diplomarbeit haben mich sehr nachdenklich gestimmt. Bestimmt wären wir super Freunde geworden wenn wir einfach mal über den Schatten gesprungen wären, und Kontakt miteinander aufgenommen hätten. Stattdessen bauen wir Mauern in unseren Köpfen mit Klischees die vollkommener Schwachsinn sind.

Stützradkrimi – Unihockey holt mich auch Trotz Stützradfahrrad wieder ein

Unbenannt

Dieses Bild zeigt mich mit meinem ersten Stützradvelo. Ein Therapierad von Haverich. Es ist ein frühes Foto, da hatte ich noch kein Tachometer am Fahrrad. Das Foto ist nicht umsonst verschwommen, ich war zügig unterwegs. Dieses blaue Gefährt war für mich ein Heiligtum, dass man mir nicht nehmen durfte. Immer wenn es das Wetter irgendwie zuliess, war ich am Fahrradfahren. Wobei… der limitierende Faktor war da nicht selten meine Mutter. „Heute ist zu schlechtes Wetter, mach was drinen“, hiess es dann oft.

Doch manchmal konnte ich mich auch durchsetzen, und durfte im Regen rumkurven. So blöd das tönt, das war für mich immer ein spezieller Moment. Nichts von rumjammern wegen schlechtem Wetter. Nein, ich kämpfte sogar dafür, dass ich im schlechten Wetter trainieren durfte.

Doch es gab da ein ernstzunehmenden Konkurrenten zum Fahrrad. Es ist die „Krankheit“ Unihockey, die damals gerade in der Schweiz grassierte. Die Sportart legte in der Schweiz einen unvergleichlichen Boom hin und genau in diesem Boom durfte ich gross werden. Ich habe zwar das Unihockey seit des Schulwechsels etwas verloren, aber ganz los gelassen hat es mich nicht.

In der 5. Klasse hatten wir einen neuen Turnlehrer. Der stand neuen Sportarten aufgeschlossener gegenüber. Da spielten wir auch ab und zu Unihockey. Es gab nur ein Problem… die Schläger die wir hatten, waren sowas von nicht zu gebrauchen. Also wünschte ich mir auf meinen Geburtstag einen Unihockeystock. Das war ein ganz einfaches Teil. Eigentlich einfach ein Kunststoffrohr mit einer Plastikkelle dran, das wars. Besser als die Stöcke der Schule war er auf jeden Fall.

Die Unihockeystunden im Turnen wurden jeweils vorher angekündigt. Voller Stolz marschierte ich dann mit dem Stock Richtung Turnhalle. Das waren für mich immer ganz spezielle Momente. Die Vorbilder von uns waren damals übrigens noch die Eishockey Spieler des EV Zug’s. Legenden dieser Zeit: Ken Yaremchuk, Misko Antisin und Dino Kessler.

Unweigerlich nahm mich der Sport immer mehr in den Beschlag. Ich liebte es einfach, die Action, das sehen wie man sich verbessert, die Leistung. Ich war stolz auf meine kräftigen Oberschenkel und stolz über jeden coolen Spielzug den ich auf dem Feld machte. Ich war halt ein Sportler.

In den Augen meinen Eltern sah es wohl etwas anders aus. Sie haben zu diesem Zeitpunkt den Sport gar nicht als Sport gesehen, sondern einfach nur als ein Hobby, dass mir Freude bereitete. Die Verbissenheit konnten meine Eltern nie so recht verstehen.

Natürlich hatte ich als Kind nicht nur Sport gemacht. Musik war ein wichtiger Bestandteil. Ich sang regelmässig Solos in unserem Schulchor und in unserem alljährlichen Theater hatte ich gar einmal die Hauptrolle. Darüber waren meine Eltern vermutlich stolzer als über mein rumgehopse auf dem Sportfeld. Musik war für mich damals auch wichtig. Nur es gibt Gründe, weshalb ich später den Sport bevorzugen sollte.

Da ich den Heimweg aus der Schule nicht alleine Bewältigen konnte, wurde ich eine Weile von Leuten aus meinem Dorf abgeholt. Eines Abends sah mich eine Frau mit dem Unihockeystock. Auf der Rückfahrt fragte sie mich erstaunt: „Spielst du Unihockey?“ Ich geriet sofort ins Schwärmen. Sie sagte mir dass ihr Sohn bei UHC Einhorn Hünenberg spielt. „Was Hünenberg hat ein Unihockey Club? Wie cool ist das denn. Seit jenem Abend wusste ich, zu diesem Club gehöre ich. Doch wie soll ich da hin kommen? Jedes andere Kind hätte seine Mutter bekniet, es doch dort anzumelden. Aber ich war behindert… was will ich mich da anmelden, das gibt bestimmt gleich eine Ablehnung. Das mit dem nicht reinpassen in die Welt der Nichtbehinderten kennen wir ja schon von der Schule. Die kommende Zeit wird nicht so einfach für mich. Weil mir die Behinderung immer wieder im Wege stand. Doch das konnte ich nicht ändern. Ich musste da durch.

Die Vision einer Firma

Die Idee ist schon alt und entstand vor etwas mehr als 20 Jahren. Damals war ich zur „Beruflichen Abklärung“ in einer IV Institution. Ich erschrak als ich die Leute sah, die dort drin wahren. Da tummelten sich lauter fähige Leute, die einfach auf den Abstellgleisen deponiert wurden. „Wie vielen anderen Menschen geht das auch noch so?“ fragte ich mich. Und wie viele fähige Menschen landen in einer geschützten Werkstatt und verrichten Arbeit weit unter ihrem Niveau?

Seitdem begleitet mich dieser Gedanke, und liess mich nicht mehr los. Doch da der Sport lange Zeit für mich oberste Priorität hatte, blieb der Gedanke im Hintergrund. Doch meine Beteiligung an IT Kongressen brachte sie wieder ins Bewusstsein. An gewissen Kongressen lagen die Jobangebote buchstäblich auf dem Serviertablett. Gute ITler sind dermassen gesucht, dass man sie jagt. Der Markt ist so trocken das Rekrutierer selbst vor Leuten die Inhaber einer eigenen Firma sind, nicht zurückschrecken.

Auf der anderen Seite sitzen Leute mit Potential zu Hause, werden depressiv nur weil sie irgendwann mal durch irgend ein bescheuertes Raster gefallen sind. Wir erlauben uns ganz schöne Ressourcenverschwendung und jammern gleichzeitig über Mangelnde Fachkräfte. So geht’s nicht weiter Leute!!!

So drehte mein Ideenkopf mal wieder seine Runden. Nach einigen Schlaflosen Nächten hatte ich dann auch eine Idee zusammen, die sich diskutieren liess. In meinem Blog Blog 14 – Vefko als Sprungbrett? schrieb ich das erste mal über die Idee auf meinem Blog. Marc und ich diskutierten die Ideen untereinander. Danach hatten wir ein erstes Treffen mit Profil der Stelle der ProInfirmis die sich um Berufliche Integration kümmert. Doch der Entscheidende Moment war das Digital Forum Davos. Da kriegte ich dermassen positives Feedback, dass ich das Zeitnah umsetzen musste.

Um die grobe Strategie noch mal zu erwähnen. Die Beeinträchtigten fangen erst mal bei der Vefko an. Dort können sie sich wieder langsam an das Arbeitsleben gewöhnen, Erfahrungen sammeln und ihr Können unter Beweis stellen. Danach werden sie an Partnerfirmen ausgemietet. Arbeitgeber und Arbeitnehmer können sich so erst mal kennen lernen und man sieht ob die Person in das Umfeld passt. Und erst dann folgt der Transfer an die Firma. Somit kann sicher gestellt werden, dass genügend Zeit da ist, um das oft verstaubte Potential zu wecken, das oft angeknackste Selbstvertrauen zu wiederherzustellen, und die richtige Arbeitsstelle zu finden.

Ich möchte klar stellen, dass wir nicht eine der zahllosen „Och hilf den armen Behinderten“ Organisationen sein wollen. Wir sehen das eher umgekehrt. Wir Behinderten wollen der Überlasteten IT Branche ein Händchen reichen und unser Know How zur Verfügung stellen.

Auf lange Sicht, ist natürlich ein Verein die falsche Organisationsstruktur für so was. Deswegen steht mittelfristig die Gründung einer Firma im Raum. Ich Persönlich fände eine Genossenschaft ganz passend, Da könnte die Partnerfirmen sich beteiligen. Das ist allerdings noch lange nicht ausdiskutiert.

So, jetzt ist es raus! und ihr wisst, an was Raphael die letzten Wochen rumgebrütet habt. Firmen die an einer Zusammenarbeit interessiert sind, melden sich bei mir. Mit etwas Glück kriegt ihr sogar ein paar Stunden von mir als Open Source Spezialist.

Anfragen könnt ihr an raphael(at)vefko.ch stellen.

Stützradkrimi – Ein Stück Normalität geht verloren

Für mich war die Welt der Sonderschulen so weit weg. „Ich bin ja nur ein bisschen Körperbehindert, in eine Sonderschule gehöre ich nicht,“ dachte ich. Doch im Hintergrund war das Thema „wie weiter mit dem kleinen Raphael“ schon längst auf der Liste. Denn in der dritten Klasse war der grosse Wechsel. In dem Schulhaus waren ja drei Klassen in einem Raum und von der Dritten aus ging es in die Mittelstufe. Die Lehrer am Schulhaus haben sich die Entscheidung bestimmt nicht leicht gemacht. Denn sozial war das Experiment Integration mehr als gelungen. Doch da die Lehrer damals keinerlei Unterstützung erwarten konnten, ging es einfach nicht mehr.

Richtig bewusst wurde mir das, als die dritte Klasse einen Schnuppertag in der oberen Etage machen durfte. Denn ich war da nicht dabei. Ich ging stattdessen mit meinen Eltern eine Schule für Körperbehinderte anschauen. Uns wurde die Schule gezeigt, die Leute waren super nett, doch ich fühlte mich nicht wohl. Überall nur Rollstühle, so weit das Auge reicht. Hier passte ich nicht hin. Da kann ich ja nicht mal Unihockey spielen… dachte ich. Die Tatsache, dass die Schule maximal ein Schulabschluss auf dem niedrigsten Regelschulniveau bot, liess meine Eltern weiter suchen.

Schlussendlich landeten wir in einer Schule für Sehbehinderte und Blinde. Na ja, für die Sehbehinderung brauchte man schon etwas Phantasie doch es reichte gerade noch für eine Aufnahme. Die Kleinen Klassen waren gut für mich. So hatte ich weniger Ablenkung und die Lehrer konnten mich schneller wieder aus den Traumwelten zurückholen. Es gab auch noch einen anderen Vorteil für mich. Ich konnte endlich auch am Turnen teilnehmen. Da war ich nämlich in der Regelschule immer suspendiert. Die Schule war in vielen Bereichen nah dran an der Regelschule. So wurde zum Beispiel mit dem offiziellen Lehrplan gearbeitet. Damals gab es auch immer wieder Leute die vom Sonnenberg in die Kantonsschule gewechselt haben. Meinen Eltern war es extrem wichtig diese Option offen zu halten. Mir war das damals übrigens auch noch wichtig, denn ich wollte eigentlich Studieren.

Dies täuscht nicht über die Enttäuschung hinweg. Die angestrebte Integration war gescheitert. Nun bin auch ich auf der Separationsschiene unterwegs. Mir war das nicht so wichtig. Für mich zählte nur, dass ich bald meine geliebte Klasse verlassen muss, und davor hatte ich Angst. Ich meine einige Kinder kannte ich da seit fast fünf Jahren, und wenn man ein 11 Jähriger Junge ist, sind fünf Jahre fast das halbe Leben! Ich wurde herausgerissen, aus einem Ort wo ich mich dazugehörig fühlte, das war bitter!

Und so war der letzte Schultag dann auch einer meiner schwärzesten Tage in der Kindheit. Ich weiss nicht wie viele Tränen an diesem Tag geflossen sind, aber es waren viele. Speziell kam noch dazu, dass ich mich nicht in meiner Freizeit einfach so mit meinen damaligen Freunden Treffen konnte. Die Distanz war zu weit dafür. Die Neue Schule konnte bei mir auch niemals den Platz des Matten Schulhauses einnehmen. Matten war ein Ort wo ich Freunde traf, Sonnenberg war halt für mich nur noch eine Schule.

Die Freundschaften des Schulhaus Mattens liefen sich schnell auseinander. Doch einige werde ich wiedersehen. An einem anderen Ort und aus einem anderen Grund. Ein Kapitel ist zu Ende und ein neues Beginnt. Die Geschichte geht weiter.

Blog 16 – Die verrückten Sachen an einem Wettkampf

Für mich hat schon wieder der ganz normale Alltag mit der Training angefangen. Doch ich möchte mal noch über die verrückten Sachen an einem Wettkampf sprechen. Sachen die nur ich erlebe.

Von den sportlichen Resultaten her bin ich ja eigentlich ein Noname. Ich gewann nie irgend einen grösseren Wettkampf, und nahm auch nie an irgend einem internationalen Rennen teil. Zofingen ist ein grösseres Meeting. Es dürften einige 100 Athleten und Athletinnen am Start gewesen sein. Darunter auch einige vom Ausland. Eigentlich sollte ich da unter gehen, doch das ist nicht der Fall.

Die Sache beginnt schon beim Anreisen. Vor dem Wettkampf möchte ich meine Ruhe haben, um mich zu sammeln. Jetzt nur nicht mit Leuten ins Gespräch kommen. Wenn ich sage, dass ich an einen Wettkampf gehe, werde ich ausgefragt. Am Stadion angekommen, begrüssen mich auch schon die ersten Leute. Nicht das ich ein Star wäre, aber wer mich ein mal rennen sehen hat, kennt mich. Auf zur Anmeldung. denn ich muss mich noch nachmelden. In der Regel muss man da die Lizenz zeigen. mich fragte niemand danach. Zettel ausfüllen, Startnummer abholen, gut ist.

Auf dem Weg zum Einwärmen immer wieder Leute die mich begrüssen. Dann Serieneinteilung. Es gibt zwölf Serien – Ein riesen Feld für den 100m Start. Ich bin Serie zwölf, wo ich auch hingehöre, denn die langsamsten sind in der Regel immer am Schluss. Das ist allerdings nicht immer der Fall. Auch schon bin ich in Serie eins gestartet.

Wir haben jede menge Verspätung. und das mag ich gar nicht. Denn ich kann mich nicht so lange warm halten. Also kühlte ich noch mal runter, und versuchte am Schluss wieder aufzuheizen. Das gelang mir nicht wirklich. Ich fühle mich nicht Ready für den Start. Aber wenn ich etwas nicht darf, ist es aufgeben, also an den Start.

Schlimmster Start aller Zeiten. Ich habe ungefähr zwei Sekunden verloren. Jeder andere hätte da aufgegeben… ich ziehe trotzdem durch. Nun wird es laut… sehr laut. Das ganze Publikum klatscht im Takt. Der Fotograf hat mich fest im Visier. und da ist dann auch die Ziellinie. Meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Dennoch klatsche ich mit den anderen meiner Serie ab.

Ich will wieder zurück laufen, um meinen Rucksack zu holen, da werde ich von einem Mann angesprochen. Hallo, ich bin der Nationaltrainer PluSport Behindertensport Schweiz… Er hätte mich für einen Kaderzusammenzug einladen wollen. Da ich aber keine Ambitionen mehr im Behindertensport habe… hat sich das wohl erübrigt 😉

Weiter geht es mit einigen bezahlten Getränke und natürlich auch etlichen Diskussionen. Im Zug auf dem Nachhauseweg, stellte ich fest, dass ich meine Startnummer noch nicht abgenommen habe. Schnell weg damit, sonst muss ich im Zug auch noch Fragen beantworten.

Ach ja, für die Hallen Master Schweizermeisterschaften in Magglingen wurde ich auch noch eingeladen. Diese findet aber erst im 2019 statt. Manchmal frage ich mich, ob all diese Aufmerksamkeit wirklich gerechtfertigt ist. Das würde sich bestimmt ändern, wenn mehr Behinderten an Swiss Athletics Wettkämpfen teilnehmen würden. Aber wenn man alleine ist, stielt man natürlich die Show.

Blog 14 – Vefko als Sprungbrett?

Gestern war wieder ein Tag an dem viel gelaufen ist. Am Abend war ich im Training, aber auch schon vorher machten wir einiges. Und wenn ich wir sage, meine ich wieder mal Marc und ich.

Bis jetzt drehte sich die Arbeit bei Vefko vorwiegend um technische Angelegenheiten.  Es ging dabei ausschliesslich um die Dienstleistungen die wir anderen Vereinen anbieten wollen. Doch das war nicht der einzige Grund, Vefko ins Leben zu rufen. Eine Sache die mich seit Jahren stört, ist das brachliegende Potential vieler Behinderter. Vor allem CP’s arbeiten ganz oft weit unter ihrem Niveau.

Vefko will Leuten eine Chance geben, ihr potential auszuschöpfen. Die Zeit zu wachsen, um fit zu werden für den ersten Arbeitsmarkt. Bis jetzt waren wir noch viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um uns darüber gross Gedanken zu machen.

Ich glaube, Marc und ich, beide machten sich jede Menge Gedanken darüber. Aber wir müssen noch mal miteinander reden, um die Gedanken abzugleichen. Ich habe zum Beispiel die Idee, dass Leute, während sie für uns arbeiten, begleitend eine Ausbildung machen können. Und ab und zu an Firmen ausgeliehen werden, um mehr Praxiserfahrung zu sammeln. Daher könnte auch Geld generiert werden, womit man die Ausbildung finanzieren kann.

Durch das Ausmieten ergeben sich auch Kontakte zu Firmen. Was gibt es besseres, als jemanden einzustellen er bereits für einem gearbeitet hat? Sowas in der Richtung stelle ich mir vor.

Doch dafür müssen erst mal die Kontakte hergestellt werden. Ich habe International durch die Open Source Projekte sehr gute Kontakte, doch lokal wird es dünn. Und genau daran arbeite ich gerade, die lokalen Kontakte aufzubauen. Das ist viel Arbeit, aber es lohnt sich.

Der Weg ist noch weit, doch wir werden ihn gehen, Tag für Tag, Schritt für Schritt, bis wir es geschafft haben.

Als Behinderter in der grossen weiten Welt

Heute bin ich zu Hause, morgen bei einer Firma etwas mehr als 100km weg. Nächste Woche bin ich zu einer Vereinsgründung eingeladen. übernächste Woche Fliege ich kurz nach Berlin für eine Konferenz und ein Meeting. Dann wieder zwei Wochen später bin ich kurz an einer Messe als Besucher in Luzern und nur ein Tag später in Dornbirn (AT) als Aussteller und Referent an einem Computer Event.

Wenn mich Leute an einem Freitag Abend durch den Zürcher Hauptbahnhof humpeln sehen, denken wohl einige. Ah der geht jetzt gerade von seiner Institution zurück zu seinen Eltern. Als Behinderter hat man immer wieder mit Stigmatisierung zu kämpfen… Eigentlich haben wir das doch irgendwie alle. Als behinderter ist es einfach extremer. Und natürlich kommt es auch sehr auf die Behinderungsart drauf an. Von Querschnittgelähmten weiss man, dass die meisten ein selbständiges Leben führen. Bei ICP – die meisten wissen jetzt vermutlich nicht mal was das ist – ist das eine andere Geschichte. Sprüche wie:

Finden sie alleine zurecht?

oder

Kann ich über die Strasse helfen

Sind da ganz normal. Manchmal wollten mich Leute auch schon zurück zum nächst gelegenen Behinderten Heim bringen. „Nein, ich bin nicht ausgebüxt, ich suche grade die Firma XY, ich hab da einen Termin“, sage ich dann oft. Die Gesichter sollte man jeweils Fotografieren. 😉 Vor Jahren, als ich mal mit meiner (Nichtbehinderten) Sportgruppe in einen Trainingscamp nach Grand Canaria flog, wurde ich sogar unfreiwillig separiert. Es war gleichzeitig eine Feriengruppe mit Behinderten im Flugzeug. Diese wurden mit einem Spezialfahrzeug abgeholt. Die Flugbegleiterin dachte wohl, dass ich zu denen gehöre und liess mich nicht vorne aussteigen. Ich kam dann an einem anderen Ort im Terminal an, und musste erst meine Trainingsgruppe wieder finden.

Aber es gibt auch die angenehmen Seiten. Am Flughafen muss ich bei der Sicherheitskontrolle nie anstehen, ich werde immer bevorzugt behandelt. Worüber ich auch froh bin, denn in einer Kolonne anzustehen braucht für mich mehr Energie als schnell zu gehen. Wenn ich mal nicht weiss, wo es hingeht, kriege ich immer eine Antwort und zwar relativ schnell. Das heisst allerdings nicht, dass ich mich völlig unvorbereitet in die Reiseabenteuer stürze.

Ein weiteres Phänomen ist, dass viele Menschen mehr wissen wollen über einem. Sei es der Taxifahrer der einem vom Flughafen zum Hotel fährt. Sei es der Barkeeper, bei dem man am Abend noch was trinkt. Sei es das Pärchen das neben einem im Zug sitzt. Alle sind neugierig zu wissen, wer da gerade neben ihnen sitzt.

Für viele Menschen ist es halt immer noch speziell, ein Menschen mit CP in „Freier Wildbahn“ zu sehen. Und dass diese Person dann auch noch in der IT Welt international mitmischt, passt so gar nicht ins Bild. Aber das stört mich überhaupt nicht. Irgendwann wird sich die Welt auch an den behinderten Programmierer gewöhnen 😉